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M07-1: Exemplarisches Lernen und „Politik machen“ im Rahmen von Raumordnungsproblemen

Obwohl wir – ohne es zu merken – fast täglich von dem Thema Raumordnung berührt werden, ist die didaktische Umsetzung dieses komplexen Themas im Unterricht nicht einfach. Viele Lehrkräfte fragen sich, wie sie solch ein komplexes Thema in nur wenigen Stunden bewältigen sollen.Wenn man sich einmal die Schemata der Planungsebenen oder des Planungsprozesses vor Augen führt und diese in W-Fragen für den Unterricht anwendbar macht, kann man folgenden Fragenkatalog aufstellen:

Vorbereitung des Verfahrens

  • Welches raumordnungspolitische Problem soll gelöst werden?
  • Handelt es sich um eine allgemeine Problemlage (z.B. Küstenschutz, Agrarstruktur oder Infrastruktur) oder um ein Einzelproblem (z.B. Talsperre Leibis)?
  • Wer ist zuständig?
  • Wer finanziert?
  • Gibt es eine Übereinstimmung mit übergeordneten Leitbildern?
  • Gibt es eine Konkurrenz zwischen Leitbildern (z.B. Wirtschaftsförderung contra Landschaftsschutz)?
  • Welche vorhersehbaren Probleme und Konflikte gibt es in der Planung und Durchführung?
  • Welche absehbaren und nicht beabsichtigten Nebenfolgen können auftreten?

Durchführung des Verfahrens

  • Wer ist der*die Planungsträger*in?
  • Welche Hierarchieebenen und Abstimmungsnotwendigkeiten müssen berücksichtigt werden?
  • Wer sind die Träger*innen öffentlicher Belange und wie stehen sie zur Sache? (TöBBeteiligung)
  • Welche Verfahrensdauer ist angestrebt?
  • Welche Verfahrenshindernisse (z.B. Bedenken, Klagen, konkurrierende Planungen) können auftreten?
  • Gibt es Lösungsalternativen?
  • Gibt es eine Abwägung zwischen Lösungsalternativen?
  • Wie ist die methodische Vorgehensweise bei der Abwägung zwischen Lösungsalternativen?
  • Wird das Verfahren von Planungsträger*innen formell korrekt durchgeführt?

Evaluation des Verfahrens

  • Wurden die Ziele erreicht und das Problem gelöst?
  • Welche unbeabsichtigten Nebenfolgen sind aufgetreten?
  • Welche Folgen haben die unbeabsichtigten Nebenfolgen?
  • Wurde der Finanzierungsplan eingehalten?
  • Wie sieht es mit der Verhältnismäßigkeit zwischen Zeitdauer, Mitteleinsatz und Zielerreichung aus?
  • Ist das Verfahren von Planungsträger*innen formell korrekt durchgeführt worden?
  • Was ist schief gelaufen (Pleiten, Pech und Pannen)?

Neben den ganzen formalen Aspekten, welche das System und die Struktur der Planung (im englischen „politcs“) betreffen, treten noch die Aspekte des konkreten „Politik-Machens“ (im englischen „policy making“). Dieses „policy making“ steht oftmals in Widersprüchen zu den „politics“ und ist gekennzeichnet durch unterschiedliche Interessenlagen. Wenn das Unterrichtsprinzip der politischen Bildung berücksichtigt werden soll, dann kann man nicht nach der Behandlung der „politics“, also des Systems und der Strukturen, aufhören; dann geht es eigentlich erst richtig los: Welche Interessenkonflikte sind aufgetreten? Welche Gruppen stehen dahinter? Mit welchen Mitteln wurde versucht die Interessen durchzusetzen? Dies sind nur einige Fragen die berücksichtigt werden können.

Unter den normalen Bedingungen des Schulalltags ist es für eine Lehrperson unmöglich, alle Aspekte der „politics“ und des „policy making“ zu behandeln – es sei denn referierend. Ganz zu schweigen von den Bergen von Material, die gesichtet, ausgewählt und aufbereitet werden müssten. Um aus diesem Dilemma herauszukommen, bietet sich das Unterrichtsprinzip des exemplarischen Lernens an. Hierbei geht es jedoch nicht bloß um die Quantität, also eine Reduktion der Stofffülle, wie z.B. die Transrapidstrecke Hamburg-Berlin als exemplarisches Beispiel für das Thema Raumordnung, sondern um die Qualität des Gelernten. Die Qualität des Gelernten wird gewährleistet durch die Wechselwirkung zwischen dem Elementaren, Fundamentalen und Exemplarischen. Wolfgang Klafki hat dies 1957 und 1961 folgendermaßen beschrieben: „Elementar ist jenes Besondere, das – über sich selbst hinausweisend – ein Allgemeines aufdeckt. […] Fundamental sind Erfahrungen, in denen grundlegende Einsichten auf prägnante Weise gewonnen werden; Erfahrungen, in denen jemand schlagartig eine ‚neue Welt entdeckt’ oder mit denen jemanden plötzlich ‚ein Licht aufgeht’. […] Sowohl die ‚Fundamentalia’ als auch die ‚Elementaria’ müssen jeweils exemplarisch, am eindrucksvollen Beispiel gewonnen werden“ (Jank & Meyer, 1994, S.146). Bei dieser Definition von exemplarischen Lernen ist das Stoffgebiet nicht als ein Typus für Talsperrenbau zu bearbeiten, sondern beispielhaft dafür, dass an ihm bestimmte geographische und politische Grundbegriffe und Regeln erarbeitet werden. Das Beispiel Transrapidstrecke Hamburg-Berlin kann im Rahmen des Unterrichtsthemas Raumordnung z.B. exemplarisch dazu dienen, die Konkurrenz der Leitbilder Umwelt und Verkehr zu bearbeiten (politics) oder die Konkurrenz verschiedener Entscheidungsträger in Politik, Transrapid-Hersteller und Bahn AG beleuchten (policy making).

Quelle: Kanwischer, D. (2004): Selbstgesteuertes Lernen, E-Learning und Geographiedidaktik. Grundlagen, Lehrerrolle und Praxis im empirischen Vergleich. Mensch und Buch Verlag. Berlin. S. 270 - 271.

Metadaten dieser Lernressource

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